‘Es war nicht zuerst der Pflasterstein’

‘Es war nicht zuerst der Pflasterstein’

Bereits in meiner Jugend habe ich ein politisches Interesse entwickelt. Dabei belief sich damals noch durch die Erziehung und mein Umfeld in dem ich aufwuchs, auf ein Sozial-Konservatives Weltbild. Die Wohngegend, in der ich aufwuchs, ist bis Heute spießbürgerlich und meine Erzeuger haben noch bis Heute ein starkes christlich fundamentales Weltbild. Ich stamme aus der Arbeiterschicht und somit genoss ich nicht die Vorzüge wie die anderen Kinder. Durch die Beeinflussung dieser zwei Umstände wurde ich in den frühen Jahren sozial Demokratin. Weiter Links ging nicht. Das waren die “schmutzigeren” Kinder, welche den Sozialismus etablieren möchten und wo Chaoten, Punks und Schmarotzer abhingen. Jedoch war ich schon in der Jugend zu links für die Sozial-Demokratie. Die Grünen waren mir damals zu Weltfremd. Eigentlich hielt ich mich selber für Sozial-Liberal und glaubte an das Gute im Menschen. Es müsste nur Überzeugungsarbeit getätigt werden. Ich sah keinen nutzen in Frauenquoten, wenn wir aus Überzeugung eine gleichberechtigte Gesellschaft aufbauen. Eigentlich sehe ich es immer noch genau so, jedoch glaube ich nicht daran, dass es ohne Antrieb jemals klappt. Durch meine Erziehung war ich der Überzeugung, dass jeder Mensch aus jeder Position etwas schaffen kann und sein Schicksal selber in die Hand nehmen muss. “Wer macht, hat recht”. Dennoch sollten wir niemanden auf der Straße liegen lassen und solidarisch zueinander sein und die Schwachen die Möglichkeit geben, aus dem Schicksal welcher sie ereilte, herauszuholen. Ich hielt diese Angst, dass sich überall Nazis befinden als übertrieben, schließlich konnte ich in der Jugend nicht überall Glatzen sehen. Was mir damals nicht bekannt war, die Strukturen sind nicht offensichtlich und können nicht sofort erkannt werden.

Auf meiner Schule habe ich erfolgreich meinen Abschluss gemacht und konnte auswählen eine Ausbildung zu beginnen oder weiter die Schulbank zu drücken. Da ich mir noch unentschlossen war, welchen beruflichen weg ich gehen mochte, entschied ich mich für die Schulbank. Hier herrschte ein anderes Klima, da Theorie auf Praxis traf und wir nicht nur im Frontalunterricht stumpf auswendig lernten, sondern auch erlerntes praktisch umsetzen mussten. Die Schule war ganz anders strukturiert. Es gab Abteilungsleiter:Innen, Stufenvertretung und Selbstbestimmungen. Diese kleinen Unterschiede können eine junge Erwachsene passiv beeinflussen, ohne das man dies direkt merkt. Schnell ist man Erwachsen geworden und man diskutierte über Ungleichbehandlungen von Schüler:Innen.

Es waren die 00er Jahre und die Jugendlichen in meinem Umfeld zeigten kein großes Interesse an den demokratischen Möglichkeiten. Noch war ich im Umfeld der Sozialdemokraten unterwegs. Jedoch musste ich auch irgendwann wegen dem Neo- liberalen druck resignieren. Es war keine politische Verdrossenheit, es war mehr ein Boot ohne Hafen. Erst mit der Gründung der Piratenpartei wurde meine Flamme für die Politik wieder erweckt. Es wurden Themen behandelt, welche für mich zu diesem Zeitpunkt wichtig waren und es kristallisierten sich im Nachhinein Personen heraus, welche wichtige und gute Öffentlichkeitsarbeit noch bis heute tätigen. Die Enttäuschung nach der Euphorie kam aber auch wieder schnell. In der Partei entwickelte sich eine misogyne Haltung, sowie ein toxischer Ton. Die Piratenpartei vertrat teils nicht mehr die politischen Punkte, für welche ich bereit in die Partei einzutreten. Es war keine Verdrossenheit, eher Resignation.

Je mehr ich mich aus den Fängen meiner Erzeuger distanzierte, um so mehr wurde mir klar, weshalb ich in gewissen Gefilden mich zugehörig “fühlte”, aber eigentlich nie dahin gehörte. Besonders der Austausch mit einem Mitauszubildenden, welcher in der Links Partei war, stellte mich öfters auf die Probe.

Wer bestimmt eigentlich, wer ich bin?

Die Distanzierung der Piratenpartei gab mir die Möglichkeit mich lange mit meiner eigenen politischen Vorstellung auseinander zu setzen. Besonders da ich seit dieser Zeit keine Partei sympathisch fand und mich zum ersten mal meinen Leben, meiner Sexualität und meinen eigenen Gedanken auseinandersetzten konnte. Ich musste mein Leben nochmal aufarbeiten und mir meine eigene Vergangenheit ansehen. Meine Anschauung auf die Welt, mein persönliches empfinden und meine Emotionen mussten sich mit der von mir geglaubten politischen Zugehörigkeit gegenüber stellen.

Erst durch das verstehen, wieso ich bin wer ich bin, was mich beeinflusst hat und weshalb diese Beeinflussung stattfand, konnte ich verstehen, was meine Ansichten tatsächlich sind. Als ich meine eigene Geschichte Revue passieren ließ, konnte ich die Stellschrauben sehen, welche mir die Richtung vorgaben zu gehen und sah wie diese auch Alternativen ausblendeten.

Besonders Randgruppen wie die Musikbezogenen Subkulturen haben mir durch meine eigene Erfahrung viel vom Leben gezeigt. In der Öffentlichkeit wird man belächelt und innerhalb der Subkultur gibt es wieder eine Hackordnung und Abgrenzungen. Nur der Zusammenhalt der Individuen kann das Konstrukt aufrechterhalten, aber was erlaubt und was nicht ist, wird von wenigen männlichen Männern diktiert.

Auf der anderen Seite war ich durch die nicht Akzeptanz der Gesellschaft und dem Ausschluss aus Strukturen stärker beeinflusst worden als durch die gelesenen Werke von Philosoph:Innen, Soziolog:Innen und Journalistinnen.

Mein Outing im engsten Freundeskreis wurde einerseits nicht verstanden und anderseits nur im Sinne der Pornografie und Fetisch verstanden. Konservative schlossen mich aus, wegen meiner Toleranz. Unter den Sozialdemokraten ungesehen, weil ich zu Links war. Gewerkschaftler:Innen die mich in meinen wollen blockierten. ITler die ein toxisches Weltbild etablieren und bis aufs Blut verteidigten. Polizisten die ihre Befugnisse überschreiten, ihre Positionen und Macht missbrauchen. Politiker welche darüber hinwegsehen und nichts unternehmen. Es ist keine Resignation gewesen. Es war niemals eine Verdrossenheit. Ich war immer stark politisch, nur durch bestehende Strukturen blockiert gewesen.

Bildung und Aufklärung ließ mich verstehen, mich Strukturen erkennen und endlich eine klare Haltung beziehen. Zu Beginn war es ein Gespräch mit Katrin Rönicke über Feminismus im Chaos Radio Express, danach folgten Werke von Bieri, Humboldt, Watzlawick, Popper, Bourdieu, Marx, Bakunin, Butler,… Je mehr ich las und mich mit Menschen aus Ihrem leben austauschte, sowie das mich andere ausgrenzten, um so mehr verstand ich, wer ich bin, was mich ausmacht und um so klarer kann ich vieles formulieren.

Die Grünen sind mit ihrer nicht Distanzierung zur Homöopathie und Wirtschaftsinteressen zu weit von mir entfernt. Der Neo-Liberalismus der SPD widert mich an. Die nähe zu Verschwörungmythen und Antisemitismus der Linken nehmen mir das Interesse. Die CDU kuschelt mir zu sehr mit den Rechten, als das diese angebliche Mitte sein wollen. Die FDP hat ihre Wurzel verraten und ist rein nur noch Wirtschaftsorientiert. Das Menschenverachtende Weltbild der AfD gehört bekämpft. Andere Parteien, welche mit wissenschaftlichen Fakten argumentieren wollen, kommen mit Hufeisen um die Ecke und geben den Rechten Zuspruch ohne sich dessen Bewusst zu machen, sodass diese Parteien auch unterwandert werden. Für viele sind queere Bewegungen nur ein Mittel zum Zweck, eine tatsächliche Unterstützung gibt es nicht.

Also bleibt mir als wahrhafte Demokratin eine Demokratie von Unten nach Oben. Kein Meister der über mir steht. Kein Sklave der unter mir knechtet.
Ich weiß das nicht jede:r Polizist:in den Faschismus will, jedoch bestehen Strukturen, welche dies begünstigen und verteidigt werden. Der Frust wird geschaffen, weil Probleme nicht gelöst werden. ‘Es war nicht zuerst der Pflasterstein’. Ich wurde zur Anarcho-Feministin, durch die gesellschaftlichen Einflüsse, welche mich ausgrenzten. Ich bin Anti Faschistin, weil dieser in Strukturen toleriert wird und ihr damit den Tod von mir liebenden Menschen und mir selber akzeptiert. Ich setze mich für eine feministische Idee und gegen das Patriarchat ein, weil dieser von oben jedes Geschlecht unterdrückt.

Und ich bin froh darüber, dass ich genau weiß, wer ich bin und wofür ich stehe.

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